• Rina Raetia | Fadrina Bundi

Wasserkultus in Graubünden Teil 1

Eines der grössten Vermächtnisse des rätoromanischen Volkstums wird wohl der Einblick in eine vorchristliche Zeit sein. In den Mythen, Sagen und Bräuchen können wir heute noch viele Hinweise auf die Verehrung der Elemente und zahlreicher Naturgottheiten finden. Es ist den lange Zeit eher isoliert lebenden Menschen in den Bergtälern Graubündens zu verdanken, dass diese Sagen, Lieder und Bräuche gelebt und konserviert wurden. Wären Sie jedoch nicht von Männern wie Christian Caminada, Dietrich Jäcklin oder Casper Decurtins zu Papier gebracht worden, wären viele dieser Schätze heute wahrscheinlich längst in Vergessenheit geraten.


Das Buch «Die verzauberten Täler – Kulte und Bräuche im alten Rätien» von Christian Caminada behandelt die verschiedenen Kulte, welche der heutige rätoromanische Raum über die Jahrtausende durchlebt hat. Für eine kultische Verehrung des Wassers hat er viele klare Belege in der rätoromanischen Volkskunde gefunden und gesammelt.


Dem Wasser wurden reinigende, göttliche Kräfte zugeschrieben. Quellen galten als heilig und die Flüsse wurden nicht selten als Orakel zu Rate gezogen. Der Zustand der Flüsse wurde immer mit grosser Genauigkeit verfolgt, um einen vermeintlichen Blick in die Zukunft werfen zu können. Bei speziellen Ereignissen wie zum Beispiel eine Eheschliessung, wurde anhand der Flüsse gewahrsagt, ob diese Ehe eher stürmisch oder friedlich wird. Auch kennen wir einen Regenbogenorakel, der je nach Farbdominanz dann auch wieder verschiedene Szenarien für die Landwirtschaft gewahrsagt hat.


Das Element Wasser wurde vor allem für seine fruchtbar machende Fähigkeit geschätzt und verehrt. Aber auch auf einer spirituellen Ebene könnte man fast schon von beseelten Gewässern reden, denn sehr oft wurden sie eng mit einer Urmutter in Verbindung gebracht. Ihnen wurden Opfergaben gemacht, um zum Beispiel das Wetter (den Drachen) zu besänftigen. In Este, das liegt in der Provinz Padua, hat man einen unglaublich umfangreichen Fund von 14'000 Opfergaben an die Göttin Rätia/Reitia gemacht. Ihr sind unter anderem Aspekte des Fliessens und des Überganges zugeschrieben. Es ist also nicht verwunderlich, dass kultische Handlungen und Opfergaben auf Brücken und an Gewässern stattfanden.


Auch im keltorätisch geprägten Graubünden gab es Kultstätten an Flüssen.

Ähnlich wie in Este wurden den Gewässern auch auf rätoromanischen Raum Opfer gebracht. An der Quellwasserfassung in St. Moritz entdeckte man einen Dolch und eine Nadel. Bronzebeile fand man bei einer Quelle oberhalb von Rueun und im surselvischen Zignau wurde man beim Grep Ault fündig. Dort zwar nicht im, sondern am Rhein, man kann sich aber leicht vorstellen, dass dies einst ein Kultort gewesen sein könnte. Sagen behaupten, dass an diesem Ort einst eine Uldeuna, also eine Art Waldfee, wohnte. Man fand bei ersten Grabungen in den 30ern Keramik und Spuren eines Gebäudes aus der Eisenzeit. Später, im Jahre 1959 konnten bei einer Notgrabung dann weitere interessante Objekte aus der Eisen- und Bronzezeit gesichert werden. Auch Mauerreste einer Kirche aus dem 6./7. Jahrhundert sind dort anzutreffen. Die Umwandlung von Kultplätzen in christliche Anbetungsorte war nicht selten, denn dort wo der «heidnische» Glaube nicht zu zerstören war, wurde er einfach im christlichen Glauben integriert. So schriebt Papst Gregor der Grosse einst in einem Brief an einem englischen Abt: «Nach langer Überlegung habe ich erkannt, dass es besser ist, anstatt die heidnischen Heiligtümer zu zerstören, dieselbe in christliche Kirchen umzuwandeln … Es ist nämlich unmöglich, diese rohen Gemüter mit einem Schlage von ihren Irrtümern zu reinigen.»


Von Sauwetter und verzauberten Flüssen – Der Wasserkult im Volksmund

Als eine Person, die in Zignau aufgewachsen ist, hat mich ein Spruch ziemlich verwundert. Es gibt nämlich einen, der sich auf die Dorfbrücke bezieht. Nun auf der Dorfbrücke solle man scheinbar für einen Saudreck 7 Frauen bekommen. Ich hatte den Spruch noch nie gehört und so fühlte ich mich zuerst ein klein wenig vor den Kopf gestossen, bis ich dann mal das Gehirn einschaltete und das patriachalische Gedankengut ein wenig nach hinten schob. Es sagt nämlich nicht aus, dass man einfach so eine Sache gegen eine Ringgenbergerin eintauschen konnte. Nein nein, das müssen wir mal schnell «decoden». Einen «Saudreck» bezieht sich auf die Opferung von Schweinen an den wütenden Zavragiafluss. Schweine galten als typisches Opfertier. Scheinbar soll auch der Begriff «Sauwetter» von dieser Praxis kommen.


Bei den sieben Frauen habe ich dann sofort an die Plejaden gedacht. Die waren es dann aber doch nicht Wer «sieben heilige Frauen» in eine Suchmaschine eintippt, wird schnell auf Suchergebnisse von den sieben Märtyrerinnen stossen. Das sind die gleichen 7 Heiligen, die in einer Kirche im Lugnez am Altar abgebildet sind. Auch Ihnen wohnt im Verborgenen noch der Glaube an Urgöttinnen bei und es kann sehr gut sein, dass diese heiligen Frauen auch in benachbarte Täler verehrt wurden.


Also: der Spruch sagt eigentlich, dass der Zavragiafluss sehr reich belohnt, wenn man ihm Opfer bringt. Hier wurde der Volksglaube eindrücklich mit der Sprache weitergegeben, obwohl man diese Opferungen schon seit Jahrhunderte/Jahrtausende nicht mehr praktiziert.

(Ich möchte noch hinzufügen, dass dies nur meine persönliche Deutung ist – so wirklich wissen tu ich’s nicht. Im anfangs erwähnten Buch steht leider nur ein Hinweis auf den Spruch aber leider ohne Deutung.)



Nixe am Dorfbrunnen von Valendas

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