• Rina Raetia | Fadrina Bundi

Hanf-Renaissance in der Surselva

Die vergangenen Monate habe ich mich wieder intensiver mit der rätoromanischen Volksmedizin befasst. Dem Holunder habe ich Geheimnisse entlockt, der Spitzwegerich landete auf meinem Teller und auch auf die Suche nach dem heiligen Marghriatakraut habe ich mich begeben. Dabei war die rätoromanische Chrestomathie immer ein treuer Ratgeber und Begleiter. Dort, versteckt in einem Meer von Buchstaben, stiess ich auf Kurioses und Altbekanntes. Eine der Pflanzen die früher medizinisch eingesetzt wurde ist die Hanfpflanze. Aber wo ist sie hin?


Das Wunderkraut in der rätoromanischen Volksmedizin

Die vielen gesundheitsfördernden Eigenschaften der Hanfpflanze waren, wie oben schon erwähnt, auch den Rätoromanen kein Geheimnis. Schriftliche Überlieferungen bezeugen, dass diese Pflanze schon seit jeher in der Surselva angebaut und hochgeschätzt wurde. Bei rheumatischen Leiden, Augenschmerzen und auch Hautleiden war das Hanfsamen-Öl ein treues Hilfsmittel.


  • So heisst es «Per il rematissem ei bien unscher cun ieli da sem coniv.» Also, bei Rheumatismus soll man sich Hanfsamen-Öl einreiben.

  • «Per mal ils egls ei bien ligiar si ina scrotta cun ieli da sem coniv.» Bei Augenschmerzen soll man eine in Hanfsamen-Öl getränkte Kompresse auflegen/aufbinden.


Nicht nur in der Volksmedizin fand ich den Hanf, er hat sich auch in der rätoromanischen Sprache breitgemacht. In einem Artikel aus dem Jahr 1962 bin ich auf ein interessantes Sprichwort aus der Ortschaft Curaglia gestossen. Gerne würde ich diesen Satz so zitieren, wie er in dem Artikel steht, denn das glaubt mir sonst kein Mensch.


«Ein ehrlicher, gerader Mensch heißt in Curaglia grad sc'in tgonif. (Gerade wie ein Hanfstängel)»


Ich hatte dieses Sprichwort noch nie zuvor gehört, doch es ist so lustig, dass ich ihn ab jetzt gerne anwenden werde.


Auf der Suche nach Hanf. Aber es ist nicht so, wie du denkst.

Die Recherche zu diesem Thema hat mich einmal mehr ins «Museum Regiunal Surselva» geführt. Ein wunderbares kleines Museum, dass viele verblüffende Objekte und Informationen für seine Besucher im Petto hat. Dort in der kleinen hauseigenen «Kino-Ecke», in der sogar der Fernseher fast als Museumsobjekt durchgehen könnte, da wurde ich fündig – ein Kurzfilm über den Hanfanbau in der Surselva! Jackpot! In der Reportage des Basler Historikers und Filmemachers Urs Frei, die den Namen «Schweizer Hanf: Vom Wunderkraut zur Teufelsdroge» trägt, geht es hauptsächlich um zwei Frauen aus Flond. Daniela Caduff-Darms und Mengia Caduff zeigen und erzählen auf eine eindrucksvolle Weise, welchen Stellenwert die Hanfpflanze für frühere Generationen hatte.

Die Arbeit für den Hanfanbau beginnt im April, wenn die Felder vorbereitet und abgepflügt werden. Nach diesem ersten Arbeitsschritt haben die beiden Frauen dann ende Monat die Samen ausgesät und mit Laub zugedeckt. Bis zur Ernte im Herbst verursachten die Felder eher wenig Arbeit. Die Ernte und Weiterverarbeitung der Pflanze war jedoch im Gegensatz zur Wachstumsphase ein sehr anstrengender und schweisstreibender Prozess. Die Hanfgarben mussten vom Feld in den Wald transportiert werden, um sie in den vorbereiteten Hanfwasserlöchern 3 Wochen lang einweichen zu können. Nach diesen 3 Wochen wurden die Garben ins Dorf gebracht und die gemeinschaftliche Arbeit konnte beginnen.


Der Hanfanbau – eine Frauensache?
Schleissen des Hanfs. Danis-Tavanasa, ca. 1917. – Eine Gruppe von Frauen beim Brechen des Hanfs und Ablösen der Bastfaser von Hand (= dial.: schleizen, sursilv.: stigliar) vor dem Haus.
Schliessen des Hanfs. Danis-Tavanasa, 1917 | Karl Hager, Disentis

Jeden Abend traf man sich bei einer anderen Frau im Stall, um die Fasern von den Stängeln der eingeweichten Pflanzen zu trennen. Diese Abende waren trotz Anstrengung fast schon ein gesellschaftlicher Anlass. Man tauschte sich über dies und das aus, sang Lieder und erzählte sich während der Verarbeitung des Hanfes die schaurigsten Gruselgeschichten. In dem Film, den ich mir da anschaute, meinte man herzlich, dass diese Frauen einen «sehr gesunden Frauenverein» bildeten. Die Reportage schafft es die Gefühle von Zusammenhalt und der starken Verbindung unter den Frauen dieser Zeit zu vermitteln. Man war füreinander da und hat sich gegenseitig unter die Arme gegriffen, wo man nur konnte. Der Hanf, er scheint zu vereinen.


Bis hinein in die 60er Jahre wurde von ihnen in Flond noch Hanf zur Fasergewinnung angebaut. Und dann hiess es für einige Jahrzehnte «Ciao Hanf, machs guet!»

Schon gewusst?​

Noch bis ins späte 19. Jahrhundert waren in der Schweiz schätzungsweise 21'000 Hektar Land für den Hanfanbau bestimmt. Das entspricht in etwa der Fläche des Kantons Zug. Ziemlich viel Hanf also.

Der Hanf ist zurück, let’s Bougi!

Ein von osten kommender, süss-herber Duft weckt auf einem Spaziergang meine Neugierde. Ich folge ihm die Strasse hinunter als wäre ich Alice im Wunderland und er der Hase, der es immer so eilig hat. Noch eine kleine Kurve und siehe da – Der Hanf ist zurück! Gut beschützt schiesst wieder Pflanze um Pflanze im Herzen der Surselva aus dem Boden. Ein Banner umhüllt das ganze Feld und je näher ich komme, desto klarer werden die aufgedruckten Buchstaben. «The Jungle» und «Bougis» steht da. Ich schmunzle kurz, zücke mein Smartphone und füttere die Suchmaschine meines Vertrauens mit genau diesen Wörtern. In Sekundenschnelle werde ich fündig - dieser Dschungel gehört zum Churer Jungunternehmen «Bougis GmbH». Das Team besteht aus Gian, Claus und Leon, die seit 2019 mit Herzblut dabei sind, Vermittler zwischen Pflanze und Bevölkerung zu sein. Mein Interesse ist geweckt und so setze ich mich mit ihnen in Verbindung, um mehr über das was ich gerade sah zu erfahren.




Ich lasse mir erklären, dass es CBD-Pflanzen sind, die dort im Bougis Dschungel wachsen. Also, Pflanzen die keine berauschende Wirkung auf den menschlichen Körper haben. Aus dem sonnenverwöhnten Bündner Hanf wird später CBD-Öl hergestellt. Ein Öl dem nachgesagt wird, sich positiv auf körperliche Beschwerden wie unter anderem Migräne, rheumatische Arthritis und Hautproblemen auszuwirken. Auch ist es wahrscheinlich, dass es durch eine Stressreduktion zu einem erholsameren Schlaf führen und dazu noch die innere Ruhe fördern kann. *Dies ist kein medizinischer Rat, halte immer Rücksprache mit deinem Arzt.


Die Verarbeitung der Pflanze zu CBD-Öl ist ein langwieriger Prozess, der mehr als 1,5 Monate in Anspruch nimmt. Die Pflanzenteile werden zuerst decarboxyliert und anschliessend in einer Alkohollösung eingelegt, um die Inhaltsstoffe zu extrahieren. Der nächste Schritt besteht aus einer mehrtägigen Filtration, die unerwünschtes Material entfernt. Nach diesem Schritt wird der Alkohol verdampft und es bleibt eine Rohmasse übrig, die dann in einem weiteren Prozess mit Bio-Hanfsamen Öl und Bio-Olivenöl versetzt wird.


Das alles wird nach dem GMP-Verfahren (Good Manufacturing Practise) hergestellt, darunter versteht man die Richtlinien zur Qualitätssicherung in der Produktion von Arzneimitteln.



Kreativ, innovativ und am Puls der Zeit

Gian von der Bougis GmbH erzählt mir, was man alles aus der Pflanze herstellen kann. Ich bin verblüfft und inspiriert. 2019 und 2020 hat das Jungunternehmen beispielsweise an einem Kunststoff, der zu 100% aus Bündner Bio-Hanf besteht getüftelt. Das ist der Plastik der Zukunft. Er ist absolut unschädlich für Mensch und Umwelt und löst sich in kurzer Zeit vollständig auf. Könnte das eine Alternative für Fast Food Behälter sein? Seht euch die ersten Versuche des Projektes auf der Bougis Webseite an. Wer denkt, das sei schon alles, was das Wunderkraut kann, der irrt. Man kann zum Beispiel auch Akkus aus Hanf herstellen. Die aus Hanf-Bast-Aktivkohle gewonnen Karbon-Elektroden sind hocheffizient und könnten zukünftig als Ersatz von Graphen-Akkus dienen. All dies und noch viel mehr ist möglich, wenn wir als Gesellschaft offen für neue Wege sind und Visionäre auf ihrem Weg aktiv unterstützen.


Mein Fazit: Harzige Hände und ein guter Spirit

Um das Thema von allen Seiten und mit allen Sinnen zu erfahren, habe ich mich als Erntehelferin gemeldet und ich muss schon sagen, das ist keine easy peasy Arbeit. Die Erfahrung war genauso spannend wie anstrengend und der Kontakt mit einer Pflanze, um die sich so viele Mythen und Tabus ranken, hat sich schon sehr besonders angefühlt.

Wir haben den Hanf geerntet, zum Heuwagen getragen, haben ihn zum Stall transportiert und dann zum Trocknen aufgehängt. Einmal getrocknet wurde dann Blüte um Blüte in liebevoller Handarbeit kontrolliert und von den übriggebliebenen, grösseren Blättern befreit. Den ganzen Tag lief gute Musik, die ganze Truppe war sehr herzlich und es war für mich im Ganzen eine sehr inspirierende Erfahrung. Sie gab mir einen guten Einblick in die Welt der CBD Produktion.


Es ist also beschlossene Sache, der Hanf ist zurück in der Region und er ist gekommen, um zu bleiben. Das Bougis Team leistet einen wertvollen Beitrag zur Enttabuisierung der Hanfpflanze und man kann reinen Herzens sagen, diese Leute sind gerade wie ein Hanfstängel.

Ich wünsche mir für uns alle, dass wir in Zukunft den Hanf mehr mit Technologie und mit Gesundheit in Verbindung bringen, anstatt die vorbelastete, tabuisierende und potenzialtötende Denkweise weiterzuleben.


An alle, die mehr über Hanf wissen wollen: Bougis GmbH, Untere Gasse 18, 7000 Chur. Das ist euer Place to be, denn bei ihnen im Hempstore findet ihr nicht nur viele hochwertige Genuss- und Lebensmittel aus Hanf – ihr werdet auch umfangreich und kompetent beraten.


 
Scazi da plaids | Wortschatz

il coniv

der Hanf

la plontina

die Pflanze

Grads sc'in coniv

Gerade wie ein Hanfstängel /Ein ehrlicher Mensch

ieli da sem coniv

Hanfsamen-Öl

la sanadad

die Gesundheit

la medischina

die Medizin

il progress

der Fortschritt


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