• Rina Raetia | Fadrina Bundi

Frau Holla - Eine alpine Naturgöttin

Aktualisiert: 28. Jan. 2021


Bei der uns in Märchengestalt begegnenden Frau Holle handelt es sich um eine uralte, heidnische Naturgöttin, die früher im alpinen Raum verehrt wurde. Sie spielte bei keltischen und germanischen Völkern eine besondere Rolle, sie war eine wohlwollende und gutmütige Haus- und Schutzgöttin. Ihr vertraute man sich an, wenn es um Schutz und Heilung für Pflanze, Mensch und Tier ging.


Dass die heilende Holla auch die Hüterin des Wetters und der Jahreszeiten ist, zeigt wie allumfassend der Glaube an diese Gottheit einst war. Es ist ein sehr naturverbundener Glaube, der bis zum heutigen Tage eine kleine Restpräsenz zeigt. Wenn wir genauer hinschauen, finden wir die Spuren der Holla auch im schönen Graubünden.



Der Holunderstrauch als Wohnsitz der Göttin

Die alpinen Völker haben in ihrer langen Geschichte viele Kulte durchlebt. Eines dieser Kulte war der Baumkultus, bei dem die heilenden und schützenden Eigenschaften der beseelten Bäume und Pflanzen verehrt wurden.

Not-so-fun-fact: Ab der Christianisierung wurden Menschen, die unter Holunderbäumen und an Wasserquellen beteten verfolgt und hart bestraft.


Wie oben erwähnt wohnt im Holunderbaum das Herz der Holla. Der Holunder wurde früher als Schutzbaum vor Naturgewalten und bösen Geistern in der Nähe des Hauses gepflanzt.

In den Dörfern der Surselva sieht man ihn heute noch des Öfteren neben alten Häusern.

Viele Rätoromanische Sprichwörter und Redewendungen betonen die Wichtigkeit des Baumes für unsere Vorfahren, denn er diente ihnen als eine ausgezeichnete Hausapotheke. Hier einige Beispiele dafür:

  • «In suitg duess ins plantar sper mintga casa» Neben jedem Haus sollte man einen Holunder pflanzen.

  • «D’il suitg ei tut bien, la flur, la feglia e la scorsa» Vom Holunder ist alles gut, die Blüte, die Blätter und die Rinde.

  • «La flur suitg astg’ins metter denter mintg’ auter the» Holunderblüten darf man jedem zweiten Tee beifügen.

  • «Per mal ils egls ei bien metter si la paletscha verda de suitg.» Gegen Augenschmerzen ist es gut, die grüne Rinde des Holunders aufzulegen.

  • «Per mal il culiez ei bien ligiar si flurs cotgas.» Gegen Halsschmerzen hilft ein Wickel mit gekochten Holunderblüten.

Holunder gilt noch heute als ein beliebter Helfer bei vielen Leiden und wird seit eh und je als Saft, Sirup, Tee oder Konfitüre geschätzt. Ich kann mich noch gut erinnern, als mein Vater uns bei Ohrenschmerzen immer Holunderrinde brachte. Dies hat er so von seinen Eltern mit auf dem Weg bekommen, und meine Grosseltern lernten dies von deren Eltern usw.


«Man darf kein Holunderholz verbrennen … »

Nach dem heidnischen Glauben brachte es grosses Unglück, einen Holunderbaum zu beschädigen oder zu fällen. Man musste sich vor einer Ernte stets mit dem Baumgeist in Verbindung setzen, ihn um Verzeihung bitten und für die Gaben des Baumes Dankbarkeit aussprechen. Bei den Kelten war es nicht unüblich, dem Baum eine Opfergabe in Form von Wein oder Milch zu bringen.

In der Rätoromanischen Chrestomathie habe ich folgendes gefunden: «Man darf kein Holunderholz verbrennen, weil die heilige Emerita auf einem solchen Holzstoss verbrannt wurde.» Hier ist der Glaube auch wieder stark mit einer weiblichen Heiligen verwurzelt. Einer anderen Quelle ist zu entnehmen, dass man Holunderholz nur verbrennen darf, um Frau Holla zu rufen.


Der Holunder als Ahnenbaum

Im Schweizer Volksglauben ist der Holunderbaum auch ein Tor zur Anderswelt. Wer unter ihm einschläft wird der Frau Holle, den Feen und den Fenggen begegnen.

Auch auf Englisch heisst der Holder «Elder», was wieder eine Verbindung zwischen dem Baum und den Ahnen herstellen lässt. Hier erahnt man eine Verschmelzung mit der nordischen Göttin Freya. Denn auch diese war, genau wie Frau Holle, eine Hüterin der Totenwelt. Symbolisch stehen die weissen Blüten des Strauches für das Leben und die schwarzen Beeren für den Tod.


Frau Holla im 21. Jahrhundert

Obwohl Frau Holle uns heute eher als Märchenfigur aus der Grimm Sammlung bekannt ist, wird ihr unbewusst immer noch Dank ausgesprochen. Als vor einigen Tagen über einen Meter Neuschnee vom Himmel fiel, habe ich von einigen Freunden mitbekommen, wie sie die Freude am Winter mit einem von Herzen kommenden «Danke Frau Holle!» bekundeten.


Zum Abschluss ein Buchtipp:

«Frau Holle – Das Feenvolk der Dolomiten» von meiner Lieblingsautorin Heide Göttner Abendroth.




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