• Rina Raetia | Fadrina Bundi

Die Drachen Graubündens

Aktualisiert: 3. Nov. 2021

Was manche vielleicht überraschen mag ist die Tatsache, dass es in Graubünden viele fantastische Sagen über Drachen gibt. Man könnte fast schon von einer Drachen-Kultur reden, so omnipräsent und wichtig scheint dieses Wesen einst im Bündnerland gewesen zu sein.


Der Drache zeigt sich in der rätoromanischen Sprache, in Märchen und Sagen und was besonders spannend ist: Sie schmücken sehr viele Hausfassaden in den Dörfern der Surselva. Ja, sogar in einigen Kirchen gibt es Abbildungen des mystischen Wesens.


Heilige Margriatha mit dem Drachen

Wieso aber Drachen?


Wie du in den letzten Beiträgen lesen konntest, hatte das rätoromanische Volk eine starke spirituelle Verbindung zum Element Wasser und durchlief in frühen Zeiten viele verschiedene Naturkulte. Der Drache stellt für mich persönlich eine Art Schnittstelle zwischen Wasser- und Tierkult dar. Er ist ein Wettertier und sehr stark mit Flüssen, Regen und Unwetter verbunden.

Die Flüsse, die sich so schön durch die Bündner Täler schlängeln, wurden zum Beispiel oftmals mit den sagenumwobenen Wesen gleichgesetzt.

Die Drachen standen repräsentativ für die Macht der beseelten Natur. Um diese oder den Drachen zu besänftigen, opferte man im heidnischen Glauben dem Fluss oftmals ein Schwein. Laut Christian Caminada ist dieses Ritual auch für den Begriff «Sauwetter» verantwortlich.


Auch beim Schutz von Hab und Gut spielte der Drache eine sehr visuell geprägte Rolle. An den Hausfassaden zahlreicher Häuser sehen wir heute noch Drachenköpfe, die bunt bemalt und mit ausgestreckter Zunge als Schutzzauber gegen Unwetter und Unglück dienen. Nicht aber alle Drachen sind bunt, es gibt auch die ganz klassisch holzigen Drachen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Farbe über die Jahrhunderte einfach verloren gegangen ist oder ob es eventuell auch lokale Unterschiede in der Optik dieser Drachen gab.


Auf den Sonntags-Drachenjagd-Ausflügen, die ich meiner Familie manchmal aufschwätze, stellten wir fest, dass die letzten Drachenhäuser wohl bis Ende des 18. Jahrhunderts erbaut wurden. Nach neueren Objekten haben wir leider vergebens Ausschau gehalten aber es wäre schön, wenn künftige Hausbauer die Drachenköpfe wieder ins jetzige Zeitalter katapultieren würden. Nichtsdestotrotz bin ich sehr zufrieden über die Anzahl noch erhaltene Hausfassaden aus dieser Zeit. Die schönsten habe ich in Lumbrein, Vignogn und Vals gesichtet – aber auch in Disentis, Laax, Degen und Obersaxen sind einige sehr schöne Exemplare zu finden.


Drachengeografie


Wenn wir schon von Ortschaften reden: Gewisse Ortsnamen im Bündner Oberland sollen auch von der Sagengestalt geprägt sein.

Bei den folgenden zwei Beispielen beziehe ich mich auf das Buch «Die verzauberten Täler – Kulte und Bräuche im alten Rätien». Das ist für mich ein must-read wenn man verstehen möchte, wie die alten Einwohner der heutigen Surselva auf einer spirituellen Ebene getickt haben. Aber zurück zu den Ortsnamen:


Das Dorf Trun soll nach dem Dragun/Drag, welcher der Sage nach hoch oben im Gletscher von Punteglias lebte, benannt worden sein. Man fürchtete, dass der Drache sich oben im Gletscher umdreht und dadurch Rüfen und grosse Wassermengen ins Dorf hinabschicke.


Auch der Ortsname Sedrun soll sich auf einen Drachen beziehen. So gibt es dort einen Fluss namens «il drun», also «Drun = Dragun». Dieser Fluss wird erstmals im Jahre 1557 in einem Dokument als Drache bezeichnet. Wenn der Drun Geröll und Rüfen ins Dorf bringt, heisst es «Il drun vegn! – Der Drache kommt!». Bis zum heutigen Ortsnamen Sedrun vergingen einige Jahre. Das Dorf wurde 1483 Surdragun und 1555 Sadrun genannt.


Drachenkunde aus vergangener Zeit


Bei meiner Recherche begegnete mir der Drache auch in einer Publikation des Instituts für Kulturforschung Graubünden. In «Unglaubliche Bergwunder» geht es um die Geschichte eines Zürcher Stadtarztes namens Johann Jakob Scheuchzer, der im frühen 18. Jahrhundert die Naturgeschichte der Eidgenossenschaft und ihrer Verbündeten niederschrieb.


Um an Informationen zur Naturgeschichte zu gelangen verfasste er im Jahre 1699 einen Fragebogen, der an verschiedene Gelehrte und Pfarrer ging. Er fragte sie über verschiedene Bereiche wie die Beschaffenheit des Bodens, die Tiere, die Pflanzen oder auch die Milchwirtschaft aus. Bei einer Frage bezog er sich aber ganz gezielt auf die fliegenden Wesen. So fragte er «ob es auch geflügelte Drachen, mit oder ohne Füß, von was vor Grösse, Farb und Gestalt sie seyen, schuppig oder knotig, was sie dem Menschen und Tier für Schaden thüind mit Wegstälung der Milch etc.?»

Er selber war sich unsicher, ob es diese Drachen gibt oder nicht. Anschliessend zu dieser Aussage steht in der Publikation des Institutes für Kulturforschung Graubünden, dass Johann Jakob Scheuchzer der Überzeugung war, dass «Graubünden so gebirgig und mit Höhlen versehen sei, dass es wohl seltsam wäre, keine Drachen dort zu haben.»


Zum Schluss noch eine Portion unnützes Wissen:


Der Drache als Symbol für die Naturgewalten konnte bis heute in der rätoromanischen Sprache überleben, denn wenn es so richtig regnet und es wie aus Eimern schüttet heisst es auf Sursilvan «Ei dracca!», also – «Es drachelt (?)». La dracca (starker Regen) ist eine Ableitung des Wortes Draco (Drache).


Was mich noch sehr interessieren würde, ist wie es mit den Drachengeschichten aus anderen Teilen der Schweiz steht. Gibt es in deiner Region auch Sagen über Drachen? Ich würde mich freuen, wenn du mir einen Kommentar hinterlässt.

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